Volkserziehungsmaßnahme

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Leitartikel: „Wie Putin spaltet“, von Bernd Ulrich. Die ZEIT, 10.April 2014.

Was in Deutschland im Streit um Russland und die Krim passiert ist, das hat Leitartikler Bernd Ulrich, von der Wochenzeitung DIE ZEIT, in dreißig Jahren Debattenerfahrung noch nie erlebt.

Er führt aus: „Wenn die Umfragen nicht täuschen, dann stehen zurzeit zwei Drittel der Bürger, Wähler, Leser gegen vier Fünftel der politischen Klasse, also gegen Regierung, gegen die überwältigende Mehrheit des Parlaments und gegen die meisten Zeitungen und Sender.“ (Ulrich, Bernd: „Wie Putin spaltet“. In DIE ZEIT, 10.April 2014, Nr. 16, S. 1.).

Von diesen Umfrageergebnissen las ich in der ZEIT zum ersten Mal, aber im Gegensatz zu Herrn Bernd Ulrich war ich nicht geschockt, sondern eher beruhigt: ICH gehöre mit meiner Position überraschenderweise zur Mehrheit und die sogenannten Mainstream-Medien mit IHRER Position zur Minderheit!

In einem muss ich Herrn Ulrich aber zustimmen, die Diskrepanz zwischen der aus allen Kanälen schallenden Position der „politischen Klasse“ und der Meinung des Volkes ist schon krass! „Was ist hier los?„, fragt sich Bernd Ulrich. Das – allerdings- frage ich mich auch! Die Hoffnung auf eine differenzierte, womöglich ehrlich selbstkritische Analyse nimmt uns Ulrich leider sogleich, mit seiner unmittelbar nachgeschobenen Frage: „Wieso in aller Welt kann es Putin gelingen, Deutschland zu spalten?“ Die Stoßrichtung des Artikels ist damit vorgegeben und führt zum Titel „Wie Putin spaltet„. Schuld ist also – wieder einmal – Putin, dieser nationalistisch-imperialistische Teufel. Wie brachte er einer Mehrheit deutscher Bürger, die nicht mal vorübergehend einen Behindertenparkplatz annektieren würden (lustiger Vergleich!), dazu, der Krim-Annexion das Wort zu reden? Ist es demokratische Verrohung, wie Bernd Ulrich sinniert?

Immerhin, Ulrich begibt sich auch im eigenen Lager auf Ursachen-Suche. Die Kriege des Westens, teils vergeblich (Afghanistan), teils mit Lügen begründet (Irak), dann die NSA-Affäre. Diese „klaffende Legitimationslücke„, die wusste Putin zu nutzen – so ein Hund!.

Interessant wird dann seine Betrachtung über die Macht der Medien und die Frage, warum diese für den Leser oft so gleich geschaltet wirken:
a-b-oder-c

a) Hype? b) Volkserziehungsmaßnahme? c) Tiefe demokratisch-menschenrechtliche Überzeugungen?

Ich nehme Option b) – die „Volkserziehungsaßnahme“

Gehen wir historisch ein wenig zurück. Als das totalitäre Nazi-Deutschland am Boden lag, da stellte sich den Siegern die Frage wie man verhindern kann, dass von Deutschland in Zukunft wieder eine Gefahr für sie ausgeht. Bekanntlich gab es sogar Pläne, Deutschland zu deindustrialisieren. Es kam zum Glück anders, nicht zuletzt weil man die BRD im kalten Krieg und als Wirtschaftspartner gut gebrauchen konnte, aber man verzichtete nicht auf Maßnahmen, die Deutschland im Sinne der Siegermächte beeinflussen sollten und dazu zählte selbstredend auch die Einflussnahme auf die Medien in ihrer Funktion als Volkserziehungsmittel.

Die Art der Einflussnahme wurde stetig verfeinert. War sie am Anfang noch plump und autoritär, so läuft dies heute viel subtiler, z.B. über Karriere fördernde Netzwerke, über diverse Atlantiker-Lobbyistengruppen, kurz um, über Zugänge zur Macht, über elitäre Zirkel. Geld ist im Kapitalismus natürlich auch immer ein wichtiger Hebel.

Ein Buch das sich auf wissenschaftliche Weise mit dem Phänomen beschäftigt und über das auf den Nachdenkseiten berichtet wurde, ist von Uwe Krüger und heißt Meinungsmacht.

Im empirischen Teil fokussiert eine Netzwerkanalyse zunächst die soziale Umgebung von 219 leitenden Redakteuren deutscher Leitmedien. Jeder Dritte unterhielt informelle Kontakte mit Politik- und Wirtschaftseliten; bei vier Außenpolitik-Journalisten von FAZ, Süddeutsche Zeitung, Die Welt und Die Zeit finden sich dichte Netzwerke im US- und NATO-affinen Elitenmilieu. (www.halem-verlag.de/2013/meinungsmacht-und-elite-journalismus/)

Die wesentlichen Ergebnisse sind hier in einem Artikel zusammen gefasst: www.message-online.com/wp-content/uploads/Artikel_Krueger_Die_Naehe_zur_Macht_Message_1_2013.pdf

Auf TELEPOLIS gibt es zum Thema noch ein Interview mit Herrn Krüger: Journalismusforschung:“Ganz auf Linie mit den Eliten„, von Marcus Klöckner (11.02.2013).

Medienanalyse-Krueger

Vier Journalisten unterschiedlicher Leitmedien benutzen auffällig oft ähnliche Argumente. Analyse von Uwe Krüger, 1/2003. Quelle:  http://www.message-online.com/wp-content/uploads/Artikel_Krueger_Die_Naehe_zur_Macht_Message_1_2013.pdf

Albrecht Müller geht sogar noch weiter: „Uwe Krüger glaubt nicht an die zentrale Steuerung. Ich beginne daran zu glauben – bei langfristig angelegten Strategien der Meinungsbeeinflussung wie auch manchmal bei aktuellen Problemen und schnell umgesetzten Kampagnen. Das beste Beispiel ist die Kampagne zur Reinwaschung der Swoboda Partei und der von ihr mitgebildeten ukrainischen Regierung. Ich glaube hier nicht mehr an Zufälle. Ich vermute, dass die Parolen und die oft sonderbaren und den Fakten widersprechenden Argumente zentral gesteuert werden.“ (Nachdenkseiten)

Den Eindruck kann man haben, wenn aber immer der gleiche Typ von Mensch die Karriereleiter zum Leitartikler hoch klettert, dann kann das Ergebnis vielleicht wie zentral gesteuert wirken, ohne es zu sein. In der Evolutionstheorie spricht man in so einem Fall von Konvergenz: Ähnlichkeiten im Selektionsdruck führen zu einem ähnlichen Ergebnis.

Die Agenturen versorgen als „Caterer“ viele Informationsschnellküchen

Gleichförmigkeit  im überregionalen Teil, das gilt nicht nur für „Käseblätter“ der Provinz, sondern auch für viele größeren Medien in einer schnelllebigen Zeit und großer Konkurrenz um Werbeeinnahmen. Deshalb lohnt sich ein Blick auf die Nachrichtenagenturen. Wenn der gleiche Caterer verschiedene Gaststätten versorgt, schmeckt der Fraß überall sehr ähnlich. Vier große Nachrichten-Caterer versorgen die Informationsküchen: Reuters, Associated Press, Agence France-Presse und Deutsche Presse-Agentur. Michael Lehner hat sich Reuters genauer angeschaut: www.neopresse.com/medien/qualitaetsmedien-wenn-die-nachrichtenagenturen-den-inhalt-vorgeben/. 
Da wäre man wieder bei einem immanenten Problem von Demokratien in kapitalistischen Wirtschaftsordnungen: die extreme Ungleichverteilung des Geldes führt zur Ungleichheiten von Einfluss und Macht. Viel Geld, viel Stimme.

Kommentar zur Medienkritik von Frau Gabriele Krone-Schmalz

Frau Krone-Schmalz ist Fernsehjournalistin und Dozentin für Journalistik. Im Magazin Zapp vom 16.04.2014 wurde sie, anlässlich des massiven Vorwurfes der einseitigen Berichterstattung, mit der Rundfunk und Fernsehen konfrontiert sind,  interviewt. Der Sendeplatz dieses sehenswerten Interviews ist selbst ein Beispiel, für das an den Rand drängen differenzierter, kritischer Betrachtungen: das Interview wurde erst um 23:20 Uhr ausgestrahlt. Schade, denn ihre kluge Analyse sollte eine möglichst große Verbreitung finden, vor allem in der „politischen Klasse„, wie sie Bernd Ulrich nennt. Damit diese Klasse endlich ihrer Verantwortung für unsere Demokratie gerecht wird!

http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/media/zapp7411.html

Falls die Seite nicht mehr existieren sollte, hier ein Youtube-Ausschnitt, in einer etwas schlechteren Bildqualität:

Nachtrag: „Lokalausgaben der NATO-Pressestelle“

Sehr schön: Satirischer Beitrag über den „unabhängigen Journalismus in Die Anstalt (ZDF-Mediathek)

Falls in der ZDF-Mediathek nicht mehr vorhanden, hier das Youtube-Video:
http://www.youtube.com/watch?v=QwLovy5DHt0

Blog-Schau:

Ich bin nicht alleine, mit meinem Blog-Beitrag zu diesem ZEIT-Artikel. Auch Jochen Hoff benutzt einen Blog als Ventil und veröffentlichte den lesenswerten Blogbeitrag „Bernd Ulrich in der Zeit: Putin spaltet

Veröffentlicht unter Deutschland, Medienkritik
One comment on “Volkserziehungsmaßnahme
  1. Ruth sagt:

    Danke, Herr Wirth, für die Einbettung des ZAPP-Beitrags.Ihrer obigen Analyse stimme ich vollumfänglich zu.
    Pikant ist auch noch folgendes Detail: „Seit Anfang 2013 arbeitet dpa intensiv mit der Nachrichtenagentur Associated Press aus den USA zusammen und vermarktet AP-Dienste im deutschsprachigen Raum.“ aus Wikipedia
    Ein gutes Interview mit Herrn Krüger bzgl. der Medienverflechtungen kann man bei Telepolis nachlesen: http://www.heise.de/tp/artikel/38/38515/1.html
    Z.Z. perfektioniert besonders Spiegel Online seine Volkserziehungsmaßnahmen mithilfe seiner Mitarbeiterin Raniah Salloum http://www.spiegel.de/impressum/autor-16875.html , die sich (angeblich) seit Mitte April in der Ostukraine aufhält. Waren ihre Artikel am 15./16.4. noch relativ ausgewogen, so dass sie massenhaft Lob ob ihrer „objektiven“ Berichterstattung von den Kommentatoren erhielt,wandelt sich die ganze Sache seit 17.4. sukzessive und mehr und mehr Falschmeldungen werden in ihren Berichten lanciert. Den Vogel schoss sie am 18.4. ab, indem sie ihren Artikel mit dem Satz „Als ersten Schritt zur Deeskalation sollen die Maskierten in der Ostukraine die von ihnen besetzten Gebäude räumen und ihre Waffen abgeben.“ einleitete, obwohl tagszuvor schon hunderte Kommentatoren darauf verwiesen hatten, dass die Genfer Vereinbarung eine Entwaffnung etc. ALLER illegalen Akteure vorsah. Das diese subtile Verdummung Früchte trägt, sieht man daran, dass sie auch nach diesem Artikel noch Lob für ihre objektive Berichterstattung erhält…
    Hier noch einige interessante Links zu dieser „Journalistin“:
    http://www.altermannblog.de/raniah-salloum-mit-schaum-vorm-mund/
    http://www.linksnet.de/de/artikel/27740
    http://propagandaschau.wordpress.com/2013/09/05/spiegel-online-propagandistin-beklagt-propaganda/
    http://propagandaschau.wordpress.com/2013/10/22/lugen-und-desinformation-auf-spiegel-online/

    Nachtrag: im altermannblog wird auf einen Beitrag zu Ken Jebsen verwiesen, der ja bekanntlich erneut seit einigen Tagen mit der Antisemitismus-Keule im Netz erschlagen wird. Ich habe zwei volle Tage recherchiert und kann dem nicht zustimmen. Das ist aber nur meine Meinung.
    Sehr geehrter Herr Wirth, Sie dürfen meinen ersten Kommentar bei Ihnen, und evt. noch folgende, gern auf andere Blogs etc. verlinken, die sich freien Journalismus, Frieden und WIRKLICHE Demokratie einsetzen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Ruth

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