Sy Hersh über die Rolle der Türkei beim Chemiewaffen-Angriff in Syrien

Deutsche Übersetzung des Artikels „Sy Hersh Reveals Potential Turkish Role in Syria Chemical Strike That Almost Sparked U.S. Bombing„, von Democracy Now!.

https://www.youtube.com/watch?v=1PUgOLKuVww

Montag, 7. April 2014

Diese ist eine eilig erstellte Mitschrift, die eventuell noch nicht in ihrer abschließenden Form vorliegt.

AMY GOODMAN: Während Syrien dabei ist, unter der Aufsicht der Vereinten Nationen sein Chemiewaffen-Arsenal zu vernichten, beschäftigt sich ein Artikel vom Pulitzer-Preisträger und  Journalisten Seymour Hersh mit der Frage, was letztes Jahr in der syrischen Stadt Ghouta passierte, als hunderte Syrer durch einem Giftgasangriff ums Leben kamen. Die USA und große Teile der internationalen Gemeinschaft machten dafür Assad treue Kräfte verantwortlich, was beinahe zu einem US-amerikanischen Angriff auf Syrien führte. Hersh zufolge aber, diskutierten Analysten des US- Militärs und der Geheimdienste noch im privaten Kreis die zentrale Frage, wer hinter den Chemiewaffenangriffen steckt, während Präsident Obama und Außenminister Kerry schon für einen US-Militärschlag argumentierten.

Hersh zufolge erstellte die Geheimdienstabteilung des US-Militärs (U.S. Defense Intelligence Agency, DIA) am 19. Juni einen fünfseitigen, streng vertraulich klassifizierten „Kernfragen“-Bericht, in dem festgestellt wurde, dass die syrische Rebellengruppe Al-Nusra eine Sarin-Produktionszelle unterhält. Dies war DIA zufolge, Zitat, „das am weitesten fortgeschrittene Sarin-Vorhaben, seit den al-Quaida-Anstrengungen vor 9-11.“. Das DIA-Dokument ging an die Regierung, Zitat: „Chemielieferanten mit türkischem und saudischen Hintergrund versuchen in großen Massen Sarin-Vorstufen zu beschaffen, die wahrscheinlich für eine Sarin-Produktion in Syrien im großen Maßstab, vorgesehen sind.“. Einen Monat bevor dieser DIA-Bericht geschrieben wurde, waren zehn Mitglieder von al-Nusra in der Süd-Türkei verhaftet worden, mit zwei Kilogramm Sarin, wie die lokale Polizei der Presse mitteilte.

Der investigative Journalist Seymour Hersh wird uns nun aus Washington D.C. zugeschaltet. Sein letztes Werk hat die Überschrift „Die rote Linie und die Rattenlinie.“. Es wurde gerade im London Review of Books veröffentlicht.

AMY GOODMAN:  Sy Hersh, willkommen zurück bei Democracy Now! Legen Sie dar, was Sie gefunden haben.

SEYMOUR HERSH: Nun, Sie haben ja gerade Teile davon vorgestellt. Ich denke die wichtigste Sache in diesem Dokument ist die – wie Sie wissen, war ich in dieser Sendung und der London Review machte einen Artikel daraus, den ich vor einigen Monaten schrieb, der genau diese „Wessen Sarin?“-Frage behandelte – das war der Titel, die Antwort war aber nicht klar. Das heißt nicht, dass wir nun exakt wissen, was in Ost-Ghouta passierte. Was wir wissen – ich spreche über das Militär, das Pentagon und die Analysten – ist, dass das gefundene Sarin nicht mit dem Sarin übereinstimmt, das sich in den syrischen Arsenalen befindet. Das wirft unmittelbar eine schwerwiegende Frage auf, welche grundlegende Teile der Argumentation des Präsidenten für einen Kriegseinsatz betrifft. Der entscheidende Punkt beim Shedd-Dokument [siehe hier, Shedd ist der stellvertretende DIA-Direktor] ist der – und das ist der Grund warum ich darüber so viel schreibe – dass als ich vor einigen Monaten an der Sache dran war, das Weiße Haus behauptete, man habe kein solches Dokument und da wären keine Informationen über Sarin in den Händen von al-Nusra oder anderen radikalen Gruppen, oder Jihadisten-Gruppen in Syrien.

Das ist das Beängstigende an der Sache. Beängstigend an der Sache ist, dass das Militär – ich kenne das Süd-Kommando etc., sehr besorgt über diese Möglichkeit war. Der Krieg lief schlecht für einige dieser Jihadisten-Gruppen. Sie, nicht nur al-Nusra, auch andere Gruppen, haben offensichtlich jetzt die Fähigkeit Sarin herzustellen, mit Hilfe der Türkei. Und die Angst ist, dass wenn der Krieg weiter schlecht läuft, ein Teil von diesem Sarin – man kann es vielleicht eine strategische Waffe nennen, wenn richtig eingesetzt kann es eine schrecklich große Anzahl von Menschen in kurzer Zeit töten – nun zu ihren Einheiten außerhalb Syriens verschickt wird. Mit anderen Worten, sie verschicken die in ihrem Besitz befindlichen Chemikalien wer weiß wohin – nach Nord Afrika, in den Mittleren Osten, oder andere Orte – damit entsteht beim Kampf gegen den Terror eine neue Situation. Das ist die Realität!

Derweil ist wieder die Position des Weißen Hauses zu diesem Papier, einmal mehr, obwohl wir [bricht den Satz ab] .. – sie behaupten das Papier würde nicht länger existieren – wir haben große Teile davon verwendet. Ohne Zweifel [existiert das Papier], ich habe Zugriff darauf. Sie bleiben immer noch dabei: „Wir kennen kein solches Dokument.“. Diese „Kopf-in-den-Sand“- Haltung hat mit etwas zu tun, über das ich im Artikel schreibe. Ich zitiere Leute, die sagen, wenn einmal der Präsident eine Entscheidung getroffen hat, dann ist es nahezu unmöglich sie wieder zu ändern. Der Präsident entschied, die Syrer haben es getan und wir sind nun angehalten so zu denken und denken immer noch so, es gibt keine andere Option. So wird eine Außenpolitik gepflegt, die eine „Kopf-in-den-Sand“-Politik ist, denn mittlerweile haben wir ein ernstes Problem mit dieser Art von Waffen, insbesondere seit Syrien diese Waffen los wird. In Syrien sind bald die Verrückten die einzigen Leute, die diese Waffen haben. Da stehen wir nun also!

AMY GOODMAN: Was ist die Rattenlinie?

SEYMOUR HERSH: [lacht]

Die Rattenlinie ist eine informelle Bezeichnung von einem [bricht ab] – der CIA ist [bricht ab] – da sind eine Menge sehr befähigter Leute in der CIA. Ich habe da sehr genervt [?], aber man muss anerkennen, eine Menge sehr heller Köpfe arbeitet immer noch dort und sie wissen genau was sie tun. Während des Iran-Kriegs, als – Cheney und Bush intensiv mit der Frage beschäftigt waren, ob es da eine unterirdische Nuklearanlage im Iran gibt – sie glaubten fest daran –  wir in Erwägung zogen, verdeckte Sondereinheiten von Pakistan auf Pfaden einzuschleusen, die das CIA vom Schmuggeln und von Geldtransfers kannten. Sie hätten Rattenlinien benutzt, um hinein zu kommen.

Und in diesem Fall ist die Rattenlinie, sehr früh im Jahre 2012, als dieser – ich weiß nicht warum, aber vielleicht wegen des Übermuts über diesen – diesen vermeintlichen Sieg in Libyen mit der Beseitigung von Gaddafi, welcher selbst ein Schlamassel ist, begannen wir mit einer verdeckten, sehr geheimen Operation in Libyen um Waffen durch die Türkei zur syrischen Opposition zu schleusen, dies umfasste alle Seiten – die säkularen, die legitime Beschwerden gegen die Assad-Regierung vorbrachten – und die anderen Gruppen, von den Saudis und den Kataris gesponsert, die wirklich den Plan haben, eine Wahabi-oder Salafisten-Regierung in Syrien einzurichten. Und das war wirklich eine sehr geheime Operation! Sie lief eine lange Zeit. Sie wurde nur unterbrochen, als das Konsulat in Bengasi gestürmt wurde. Und sie wurde – wie ich schreibe – ohne Benachrichtigung des Kongresses durchgeführt. Und der Grund, warum wir trotzdem über diese Vorgänge Bescheid wissen, ist der, dass es einen kürzlich vom Senat veröffentlichten Geheimdienstbericht über Benghazi gab, vor wenigen Monaten, über Fragen der Sicherheit, etc., solches Zeug über das die Republikaner ständig reden, aber da war ein geheimer Anhang zu diesem Bericht, in dem der Prozess des Waffenschmuggels [orig.: funneling stuff] beschrieben wurde. Und finanziert wurde das von den Türken, den Saudis und den Kataris. In einer gewissen Weise benutzten wir ihr Geld, um Waffen zu kaufen und weiter zu geben. Die CIA war darin tief verwickelt.

Im Ergebnis kann man fast sagen, dass Obama – man könnte es gewitzt oder genial nennen – Saudi Arabien, Katar und die Türkei dazu brachte, die Dinge für uns zu erledigen, nämlich der Opposition zum Sieg über Bashar al-Assad zu verhelfen. Und so lief es dann. Diese Operation lief über einen längeren Zeitraum und endete erst, nachdem [das Konsulat von] Benghazi gestürmt wurde. Als wir die Operation einstellten, sahen wir plötzlich die abgefahrensten Waffen auftauchen, sogar MANPADS [=Mistral Man Portable Air Defense Systeme], das sind tragbare Flugabwehrraketen.  Plötzlich tauchten sie in Syrien auf, in den Händen verschiedener Jihadisten-Gruppen. Offensichtlich hatte die Rattenlinie, die wir nach Unterbrechung weiter führten, ein Eigenleben entwickelt, was bei solchen Operationen oft passiert.

AMY GOODMAN: Nachdem die Syriengespräche zu Beginn des Jahres beendet wurden, erneuerte Außenminister Kerry seine Forderung, Bashar al-Assad solle seinen Platz räumen und sagte, die USA seien bereit, die Unterstützung für die bewaffnete Opposition zu verstärken.

[Einspielung einer Rede von Kerry]

SECRETARY OF STATE JOHN KERRY: No one has done more to make Syria a magnet for terrorists than Bashar al-Assad. He is the single greatest magnet for terrorism that there is in the region. And he has long since, because of his choice of weapons, because of what he has done, lost any legitimacy. … I will just say to you that lots of different avenues will be pursued, including continued support to the opposition and augmented support to the opposition.

AMY GOODMAN: Das war US-Außenminister John Kerry. Sy Hersh, Ihre Antwort?

SEYMOUR HERSH: Nun gut, zu dieser Zeit wussten sie vom vereinigten Generalstab,  dass die Briten uns Informationen über das in ihren Laboren untersuchte Sarin gegeben hatten. Wir teilen uns mit den Briten ein Labor zur Untersuchung von chemischen und biologischen Kampfstoffen an einem Porton Down genannten Ort. Es ist ihre Chemiewaffen-Einrichtung. Und wir Amerikaner beziehen von dort Analysen internationaler Probleme, wenn diese mit chemischer oder biologischer Kriegsführung zu tun haben. Da gibt es also eine Menge von [fängt neu an:]- wir haben großes Vertrauen in die Kompetenzen der Briten. Und so kam es, dass die Briten mit Sarin-Proben ankamen, die klar machten, dass wir ein echtes Problem mit diesen Proben hatten, da die Ergebnisse nicht zu dem passten, was wir und die Briten, die Russen, jeder, über die syrischen Giftgasbestände wussten. Sie [die syrische Armee] geben, wie alle professionellen Armeen, Additive zu dem Sarin, die es haltbarer machen. Das Amateur-Zeug, man nennt es auch Küchen-Sarin, lässt sich sehr leicht aus einigen harmlosen Chemikalien herstellen, aber dieses Sarin ist nicht so tödlich wie professionelles militärisches Sarin und enthält nicht diese Additive. Man kann also nun messen, was in den Proben ist. Sie [die Briten] kamen sehr früh zu uns, innerhalb von sechs, acht Tagen, oder zehn Tagen, nach diesem 21. August, diesem schrecklichen Vorfall letzten Jahres in der Nähe von Damaskus, bei dem Hunderte getötet wurden. Es war ein überzeugender Beweis.

Und so gingen der vereinigte Generalstab, geführt von ihrem Vorsitzenden Martin Dempsey, einem erfahrenen Armee-Offizier – er war Chef des zentralen Kommandos für den Mittleren Osten – zum Präsidenten und warfen einige Fragen auf. Sie informierten ihn über die Probleme. Und sie sprachen auch über die Tatsache, dass das Militär, sagen wir mal, unglücklich war. Das Militär hat [nur] Anweisungen auszuführen, aber oft sehen sie Risiken besser als Zivilisten. Zuerst wünschte sich der Präsident eine Welle von Bombardierungen und das Militär lieferte ihm eine Liste möglicher Ziele – ich denke so 21, 31 Ziele, in dieser Größenordnung – Landebahnen und anderes Zeug.  Da sagte ihnen jemand aus dem Weißen Haus – ich weiß nicht wer – dass sie etwas vorbereiten sollten, das Bashar mehr Schmerzen zufügt. Also kamen sie, nach allem was wir wissen, mit Plänen für einen massiven Bombenangriff zurück: zwei B-52-Bomber-Geschwader zum Abwerfen von 2000-Pfund-Bomben, gerichtet gegen die Energieversorgung, etc., die Art von Angriff, die einen schrecklich großen Schaden an ziviler Infrastruktur anrichtet. Und das war auch schrecklich viel für die Chefs des vereinigten Generalstabs und sie taten dies dem Präsidenten kund.

Und wie ich schreibe, ich glaube nicht, dass da andere Gründe vorlagen, die ihn [den Präsidenten] zum Stopp zwangen, wie geschehen. Die Idee für den plötzlichen Rückzieher und die Unterzeichnung des Vertrags zur Vernichtung der Chemiewaffen mit den Syrern, von dem die Russen gesprochen hatten, war bereits ein Jahr vorher aufgekommen, ohne dass wir zugegriffen haben. Nun kam er [Obama] offensichtlich darauf zurück. Und siehe, das muss man dem Präsidenten anerkennen, so viel er auch wollte und darüber redete, als er mit der Realität konfrontiert wurde, machte er einen Rückzieher. Er begründete den Schritt nicht. Aber, wie wir wissen, in der Außenpolitik darf man nicht zu viel Glaubwürdigkeit erwarten. Unglücklicherweise führen die unklaren Äußerungen der Spitze dazu, dass auch die Bürokratie keine klaren Aussagen machen kann. Wenn du in der Bürokratie steckst kannst du dem Weißen Haus nichts sagen, was es nicht wissen will.

AMY GOODMAN: Ah –

SEYMOUR HERSH: So ist es, ja. Fahren wir fort.

AMY GOODMAN: Sy, ich möchte kurz über die Türkei sprechen.

SEYMOUR HERSH: Sicher.

AMY GOODMAN: In Ihrem Artikel erwähnen Sie den dem Internet zugespielten Mitschnitt einer Diskussion zwischen dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan und leitenden Beamten über eine Operation unter falscher Flagge, die eine türkische Militärintervention rechtfertigen sollte. Dies ist die Antwort von Erdogan auf diese veröffentlichte Aufnahme:

[Einspielung Ansprache von Erdogan]

PRIME MINISTER RECEP TAYYIP ERDOGAN: [translated] Today they posted a video on YouTube. There was a meeting at the Turkish Foreign Ministry on Syria, on the tomb of Suleyman Shah. And they even leaked this on YouTube. This is villainous. This is dishonesty.

AMY GOODMAN: Die Türkei verhängte als Reaktion auf die geleakte Aufnahme kurzfristig eine Youtube-Sperre. Sy Hersh, können Sie erklären, was die Unterstützung der Rebellen durch die Regierung von Erdogan umfasst und wie die USA dazu stehen?

SEYMOUR HERSH: Nun, wo wir gerade stehen können wir nicht viel machen, weil – nun, lassen Sie mich erst mal sagen was wir wissen. Was wir wissen ist, dass die al-Nusra-Gruppen in der Türkei Ausrüstung kaufen. Außerdem gibt es Berichte, dass sie in einigen Fällen durch den türkischen Geheimdienst ausgebildet wurden. Dieser wird geführt von einem Herren namens Fidan, einer sehr bekannten Persönlichkeit. Da gab es Berichte, wunderbare Berichte, vor kurzem im Wall Street Journal, über die enge Bande zwischen Fidan und Erdogan, dem Ministerpräsidenten und Führer der Türkei, aber auch zu den radikalsten Gruppen. Erdogan sieht das auch so. Sie unterstützen alle [oppositionellen Gruppen], aber wenn sie eine Wahl haben, dann die radikalsten Einheiten in Syrien. Und, wie wir wissen, sie stellen Ausbilder bereit. Wir wissen außerdem, dass es da eine – vermutlich können wir es eine weitere Ratten-Linie nennen –  gibt. Es gibt eine Lieferung von Chemikalien, die zusammen gemischt Sarin ergeben und dieser Warenstrom kommt aus der Türkei. Eine Art paramilitärischer Einheit, genannt Gendarmerie und das MIT [Milli Istihbarat Teskilati], sind für die Lieferung dieser Dinge an radikale Gruppen verantwortlich. Es gibt aktuell einen Strom von LKWs, der diese Dinge einschleust. Die Verwicklung der Türkei ist also enorm.

Und ich kann Ihnen sagen, wie ich in meinem Artikel schreibe, die Schlussfolgerung vieler innerhalb der Geheimdienste – von einem Bericht kann man nicht sprechen, da sie keinen Bericht darüber schieben – war, auf der Grundlage von abgefangener Kommunikation, vor allem nach dem Ereignis, dass es in der türkischen Regierung Elemente gab, die Verantwortung [Orig.: took credit] für die Geschehnisse in Ost-Ghouta übernahmen, mit dem Ziel durch diesen Sarin-Angriff die berühmte rote Linie von Obama zu überschreiten. Wie Sie wissen hat Obama im Sommer 2012 gesagt, dass es eine rote Linie gibt, wenn sie Chemiewaffen benützen oder es in anderer Hinsicht gegenüber der Opposition übertreiben, dann würde er mit Bomben Bashar stoppen. Und so versuchte es die Türkei, wiederholt im Frühling – es gibt eine Menge Beweise für einige Angriffe im Frühling. Die UN weiß dies, aber sie darf es nicht sagen. Ich schreibe darüber auch in meinem Artikel. Und auch im amerikanischen Geheimdienst wusste man das. Das ist der Grund für den geheimen Bericht, über den ich schrieb. Wir wussten, dass es die Radikalen waren, die Jihadisten, die Zugang zu Nervengiften hatten und es gegen syrische Soldaten einsetzten, im März und April. [Orig.: „Those incidents that were always described by our government as being the responsibility of the rebels, with high confidence, it’s just not so.“ ?] Wir hatten dieses riesige Problem vor dem Angriff im August, nahe Damaskus. Wir wussten von den möglichen Gefahren bereits Monate davor. Wir [… ignorierten das]  – aus bestimmten Gründen, war dies eine Information, die der Regierung nicht hören wollte, so fiel sie hinten runter.

AMY GOODMAN: Sy, am Sonntag veröffentlichte die Website EA WorldView einen Artikel mit der Überschrift „Es gibt keine Chemiewaffen-Verschwörung – wieder mal ein Verriss eines Exklusiv-Artikels von Hersh über Aufständische“. Der Autor, Scott Lucas, bezweifelt darin die Behauptung, Rebellen könnten für den Chemiewaffen-Angriff im August verantwortlich sein und begründet dies mit Reichweite und Ausmaß der Operation. Er schrieb, Zitat, „Berichte von diesem und folgenden Tagen weisen auf 7-12 Orte hin, die zur selben Zeit mit chemischen Stoffen angegriffen wurden. Mit anderen Worten, wer auch immer für die Angriffe verantwortlich war, startete viele Boden-Boden-Raketen, bestückt mit chemischen Kampfstoffen, gegen von der Opposition gehalten Orte in Ost-Ghouta und eine Stadt in West-Ghouta, nahe Damaskus. [Den chemischen] Angriffen … folgten … schwere konventionelle Angriffe.“ Der Autor, Scott Lucas, wirft Ihnen vor, dass Sie darin versagen, die Frage zu stellen, wer außer der Regierung, eine solch umfangreiche Operation ausführen könnte. Sy?

SEYMOUR HERSH: [unverständlich] Das hatten wir doch schon. Wir wissen es jetzt. Gerade macht sogar die New York Times einen Rückzieher, verschiedener Art. Man hatte ja – es war wie das Lesen der Pravda. Aber wenn man die Artikel sorgfältig liest, die New York Times hatte eine Artikel-Reihe nach dem Ereignis, die behaupteten, die fraglichen Gefechtsköpfe welche den Schaden verursachten, wären von einer syrischen Armeebasis gekommen, aus einer Entfernung von etwa neun Kilometern, sechs Meilen. Und zu dieser Zeit gab es einige Analysten, eine Gruppe vom MIT [Massachusetts Institute of Technology], geleitet von Ted Postol, der einmal wissenschaftlicher Berater des CNO (Chief of Naval Operations) war, also von jemand mit einem eindeutig überzeugenden Hintergrund und keinerlei Voreingenommenheit. Er und sein Team machten eine Vielzahl von Untersuchungen die ergaben, dass die Gefechtsköpfe wahrscheinlich nicht mehr als maximal zwei Kilometer, 1,2 Meilen, zurück gelegt hatten. Und wir wissen das von einem UN-Bericht, eines Mannes der Ake Sellstrom heißt, der die UN-Untersuchung leitete, der die gleichen Schlussfolgerungen zog: Diese abgefeuerten Raketen hatten nicht mehr als eine Meile zurück gelegt.

Sie waren [die Gefechtsköpfe] – man schaue sich nur mal das Bildmaterial an, sie waren selbst hergestellt. Sie passten zu keinem Typ der bekannten Waffen. Und glauben Sie nicht, wir wüssten nicht genau, was die Syrer für Gefechtsköpfe besitzen. Sie haben eine ganze Reihe von Gefechtsköpfen für chemische Waffen und wir kennen von allen die Maße. Aber keine dieser Waffen passt hier. Gleichermaßen der UN-Bericht. Sie haben diesen unabhängigen Bericht der sagt, diese Dinger flogen maximal ein oder zwei Kilometer. Auch verstehe ich nicht, warum wir über Mehrfachraketenwerfer sprechen. Das waren Selbstbau-Waffen. Und es scheint den meisten Beobachtern sehr offensichtlich zu sein, wie ich schon sagte, sogar für das UN-Team, das den finalen Bericht schrieb, die auf Grund irgend welcher Regeln nicht  befugt waren, zu sagen, wer was abgefeuert hat. Sie könnten gerade noch sagen – sie könnten gerade noch die Waffen beschreiben, ohne jemals ein Urteil abzugeben. Aber ich kann es Ihnen erzählen, ich zitiere jemanden aus dieser Untersuchungseinheit, der sich absolut im klaren darüber war, dass die abgefeuerten Waffen selbst hergestellt waren und nicht von der syrischen Armee stammten. Diese Fragen sind beantwortet; diese Argumente ließen sich fort führen. Das ist – vermute ich mal – ein Blog? Ich kenne diesen Blog nicht.

AMY GOODMAN: Und was sind die Interessen der Türkei, wenn diese Sache stimmt und sie das Überschreiten der roten Linie förderten, indem sie einen Angriff unterstützten, den man Assad zuschreiben würde. Welches Interesse hat sie, einen Angriff der USA auf Syrien zu provozieren?

SEYMOUR HERSH: Oh mein Gott, ein riesiges Interesse, denn Erdogan hat als Ministerpräsident der Türkei hat enormen Aufwand an Geldmitteln und anderem, sein Geheimdienst inbegriffen, betrieben, um die Beseitigung von dem – [Einschub:] er und Bashar stehen, wissen Sie, miteinander auf Kriegsfuß. Er will ihn weg haben. Und er ist unentwegt im Angriff, dabei unterstützt er die radikalsten Fraktionen dort. Gleichzeitig unterstützt er auch die säkularen Fraktionen, Menschen die ernsthaft Bashar stürzen wollen, ohne eine Jihadisten-Regierung zu wollen, sie wollen einfach nur eine Regierung die nicht von einer einzigen Familie kontrolliert wird, verstehen Sie?

Es steht also außer Zweifel, die Türkei ist hier tief verwickelt. Und es läuft schlecht. Es ist sehr deutlich, dass die syrische Armee die Oberhand hat und im Grunde genommen – im Grunde genommen, der Krieg vorbei ist. Ich weiß, ich mag es nicht – da die Beseitigung von Bashar nicht länger zur Verhandlung steht. Es wird einige Widerstandsnester geben, vielleicht, in Gebieten nahe der Türkei, wo es verschiedene Gruppierungen gibt. Sie werden ständig unter dem Druck der syrischen Armee stehen. Aber im Wesentlichen haben wir ein Blatt auf der Hand, welches verliert. Wir möchten das nicht zugeben, aber es ist so. Bashar kann sich halten. Was auch immer das bedeutet …

AMY GOODMAN: Seymour Herh, ich danke Ihnen sehr, dass Sie bei uns waren. Pulitzerpreisträger, investigativer Journalist, Washington, [DC]. Wir werden einen Link zu Ihrem letzten Artikel in dem London Review of Books, mit dem Titel „Die rote Linie und die Rattenline“ setzen. Das ist Democracy Now!, democracynow.org, Der Krieg und Frieden Bericht. Heute vor 20 Jahren begann der Völkermord in Ruanda. Wir gehen nach Kigali. Bleiben Sie dabei.

Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/us/
Original von Democracy Now! Übersetzung ins Deutsche auf casa-democracia.de, nach bestem Wissen und Gewissen, ohne Gewähr.

Veröffentlicht unter Außenpolitik, Geheimdienste, NATO, Syrien, Terrorismus, Türkei

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